Weltweiter Aufschrei: Wo sind sie?

Verónica Espinosa
01.01.2013

Seit mehr als fünf Monaten verbreiten sie schon die Nachrichten über das Verschwindenlassen von Ana Belém Sanchez Mayorga, Luis Enrique Castañeda Nava Maldonado und seinem Cousin Diego Castañeda. Die Mitglieder der Gruppe „No Más Víctimas!“ (Keine Opfer mehr!) haben die Behörden von Michoacán und die mexikanische Regierung dazu aufgefordert, auf die Entführung der drei jungen Leute zu reagieren, die vermutlich von bewaffneten Mitgliedern der „Caballeros Templarios“ am 21.Juli 2012 in der Stadt Paracho begangen wurde. Auf ihrer Website stellen sie die Frage: „Wo sind sie?

QUERÉTARO, QRO (Proceso). – Die Gruppe „No Más Víctimas!” wurde in mehreren europäischen Städten mit einem klaren Ziel gegründet: die mexikanische Regierung dazu aufzufordern, zu den zahlreichen Fällen des Verschwindenlassens und der Verfolgung von Aktivisten und Menschenrechtlern Stellung zu beziehen. Diese würden, so Mitglieder der Gruppe, durch die Behörden „kriminalisiert“.

Die Organisation, bestehend aus russischen, französischen, deutschen, griechischen und kanadischen Aktivisten, agiert seit dem Verschwinden von Luis Enrique Castañeda Nava (28), Vorsitzender der Jugend der „Movimiento Ciudadano“ und Experte für Kommunikation, seinem Cousin Diego Maldonado Castañeda (34) und Ana Belém Sánchez Mayorga (30), beide Psychologen, am 21. Juli 2012 in Paracho im Bundesstaat Michoacán.

Durch die Website www.nomasvictimas.org verfolgen Europäer und Kanadier diesen Fall und beobachten kritisch was in Mexiko passiert, wo hunderte von Menschen von Gewalt und Unsicherheit betroffen sind, was zu einer Art „nationalen Vorhölle“ führt.

Die Mitglieder der Gruppe kleben Poster und Fotos auf Pfosten, Fassaden und öffentliche Plätze in europäischen und kanadischen Städten. Außerdem organisieren Sie öffentliche Proteste und platzieren Banner mit Bildern von Ana Belém, Diego und Luis an auffälligen Orten und stellen immer wieder die brennende Frage: „Wo sind sie?“

Die Gruppe sagt, dass es außerdem ihr Ziel sei, „weitere Mexikaner vor diesem Schmerz zu bewahren“. „Das Verschwindenlassen in ganz Mexiko und besonders in Michoacán wird nicht aufhören“, sagen sie. Das ist warum sie die Behörden auffordern, diese Fälle aktiv zu untersuchen.

Bisher haben Staatsanwaltschaft (PGR) und staatliche Behörden von Michoacán nur berichtet, dass die drei Jugendlichen in den frühen Morgenstunden des 21. Juli aus ihrem Hotel Santa Fe, Avenida 20 de Noviembre Nummer 791, von einer lokal geführten und bewaffneten Gruppe entführt wurden. Zuvor war es laut dieser Aussage am Abend des 20. Juli in einer Bar zwischen Ulises Suarez Medina gen. “El Pájaro” und Luis Enrique, Diego und Ana Belém zu einem Streit gekommen.

Die drei waren am 18. Juli nach Paracho gekommen, um im Auftrag von KidScience einen Workshop für Kinder im örtlichen Kulturinstitut zu geben. Reisekosten und Unterbringung wurden vom staatlichen Rat für Wissenschaft und Technology im Rahmen des jährlich in Paracho veranstalteten Cantoya Heißluftballonfestivals übernommen.

Laut Aussage des Vertreters der Staatsanwaltschaft der Region, Marco Vinicio Aguilera, folgten El Pájaro’s Leibwächter “El Güero” von den Caballeros Templarios, Cuitláhuac Mauricio Hernandez Silva, und El Pájaro selbst zusammen mit weiteren bewaffneten Männern, nach diesem Konflikt, bei dem die drei Jugendlichen unbeschadet geblieben waren, in deren Hotel.

Einige Wochen später wurden El Güero und El Pájaro ermordet. Ihre Leichen wurden am 14. August in Purepecha Plateau gefunden. Die Situation wurde kompliziert, denn in der Zeit zwischen dem Verschwinden der drei Jugendlichen und dem Tot der Verdächtigen, wurden die Spuren des Verbrechens beseitigt.

Die Beschäftigten des Hotels wussten nichts über diejenigen „die die Jugendlichen mitgenommen haben“. Der Hoteleigentümer hingegen schloss das Hotel für zwei Tage und machte seine Aussage etwa zwei Wochen nach den Ereignissen bei der Polizei.

Spezialeinheiten der Anti-Entführungseinheit (PGJ) erschienen drei Tage später, auf Bitten der Eltern, die nach Paracho gekommen waren, um die Sachen ihrer Kinder abzuholen und sich mit dem Bürgermeister Nicholas Zalapa Vargas zu treffen. Dieser sagte ihnen, er wäre im Hotel gewesen und hätte es „in bester Ordnung“ vorgefunden.

Wegen all dieser Unregelmäßigkeiten, dem Versagen der örtlichen Behörden, der wenigen Untersuchungen und dem geringen Engagement von Polizei und Staatsanwaltschaft, beschlossen die Familien von Ana Belém, Diego und Luis Enrique, wie auch das Kollektiv „No Más Víctimas!“, Nichtregierungsorganisationen wie das Comité Cerezo zu kontaktieren.

Auf Empfehlung des Comité Cerezo, fertigten die Familien einen ausführlichen Bericht zum Verschwinden der drei Jugendlichen an sowie eine Bewertung der Aktivitäten von PGR und PGJ. Dieses Dokument wurde beim Komitee gegen das Verschwindenlassen der UN Menschenrechtskommission eingereicht und von dessen Vorsitzenden laut Vermerk vom 10. November akzeptiert.

„Wir haben viele Nichtregierungsorganisationen und Vermisstengruppen kontaktiert und die meisten haben nie reagiert. Das Comité Cerezo hat uns empfohlen uns an internationale Einrichtungen zu wenden. Was kann noch gewichtiger sein als die UNO? Wir sehen niemand, der größeren Einfluss hat als das UN Komitee und wir sind verzweifelt“, sagt ein Familienmitglied im Gespräch mit Proceso.

Verwirrende Pfade

Trotz der UN Intervention, durch welche die Aktivitäten der Staatsanwaltschaft beim Außenministerium angezeigt wurden, „ ist das einzig bemerkenswerte, dass die Suche (nach Ana Belém, Diego und Luis Enrique) nicht stattfindet“, beklagt ein Mitglied von „No Más Victimas!“ in einem Telefongespräch aus Europa.

Er sagt, dass Luis Enriques politisches Engagement für die Movimiento Ciudadano nicht außer Acht gelassen werden sollte, als mögliches Motiv für sein Verschwinden – unter Betrachtung der Umstände der Präsidentschaftswahlen (1. Juli) und ales was darum geschah.

„Die Symptomatik der Verfolgung von sozialen und politischen Aktivisten zu diesem historischen Zeitpunkt sollte nicht ignoriert werden. Wir haben so viele Versionen über ihr Verschwinden gehört… Im Hotel gab es viel Blut, nach späteren Aussagen von Gästen, aber es gibt so viele Zweifel.“

Auch für die Familien scheinen die Schlüsse fragwürdig und widersprüchlich. Es wurde berichtet, Luis Enrique hätte sein Zimmer „zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung mit einer Waffe in seiner Hand“ verlassen. Wer ihn kennt sagt, dass das nicht wahr sein kann, da er „ der friedfertigste Mensch auf Erden“ sei und außerdem „nicht mit Waffen umgehen“ könne.

Außerdem unwahrscheinlich ist die Version der Behörden, dass Diego und Luis Enrique „ in Begleitung von zwei Frauen“ zurück in Hotel gekommen seien. Einer von ihnen ist glücklich verheiratet und der andere plant seine Hochzeit. Weiterhin sei es unmöglich, dass Ana Belém solch ein Verhalten geduldet hätte.

Proceso sprach auch mit Octavio Ferris Leal vom Ministerium für Öffentliche Sicherheit. Er sagt, es sei möglich, dass die Jugendlichen bald nach ihrer Entführung aus dem Hotel von El Pájaro und seinen Komplizen getötet und in Decken gewickelt wurden.

Laut Leal gehen die Beweise in Richtung El Güero und El Pájaro als Straftäter im Fall von Ana Beléms, Luis Enriques und Diegos Verschwinden. Er fügt außerdem als weiteres Element hinzu, dass die Männer, die zu dem Hotel kamen, die Uniformen einer Spezialeinheit der Polizei (GOE) trugen.

Die mangelnden Fortschritte bei den Ermittlungen wurden nochmals deutlich Anfang Dezember festgestellt, als ein Ausschuss der Europäischen Union (EU) nach Michoacán reiste, um die Landesregierung und den örtlichen Ombudsmann, José Maria Cazares, um Berichte des dreifachen Verschwinden bitten.

Obwohl der Besuch geschäftlicher Natur war, befragten die EU Berater Cazares nach dem Verhalten der Behörden beim Ermittlungsprozess und forderten sofortige schriftliche Intervention. Sie riefen auch den Staatsanwalt Placido Torres Pineda zu einem Termin, den schließlich sein Stellvertreter Marco Vinicio Aguilera wahrnahm.

Aguilera behauptet weiterhin, dass das Verschwinden von Diego, Luis Enrique und Ana Belém “isolierte Vorfälle” seien. Es ist jedoch bekannt, dass in der Gegend über 26 Verschleppungen und Entführungen registriert sind, wie der Fall von Ramon Angeles Zalpa, Akademiker und Korrespondent der Zeitung Cambio in Paracho.

Bezugnehmend auf die Morde an El Güero und El Pájaro, vermutet die offizielle Annahme, dass “sie von anderen Mitgliedern der kriminellen Gruppe ausgeführt wurden, für das, was sie den Jugendlichen antaten.”

“Man lernt, wie es geht …”

Seit dem Verschwinden seiner Tochter Ana Belém Sánchez Mayorga hat Don Fortunato die Suche nicht aufgegeben. Es sind schon fünf Monate vergangen. “Wir müssen bereit sein zu tun, was auch immer nötig sein wird”, sagt er. “Es kann Jahre dauern.”

Héctor Cerezo kontaktierte Don Fortunato per E-Mail und lud ihn zu einem Treffen mit den Mitgliedern seines Komitees ein, an dem Angehörige von Menschen teilnehmen, die während der Präsidentschaft Felipe Calderons verschwunden sind.

„Ich kam dort an und es waren viele Leute da, vor allem Frauen”, sagt Don Fortunato. „Plötzlich sagte jemand: ‘Lasst die neuen sprechen.’ Ein Mann fragte mich, wie ich hergekommen war. Ich habe ihm gesagt, dass ein Herr Cerezo mich per E-Mail eingeladen hat. ‘Dieser Cerezo in ich’, sagte Hector mir.”

- Was haben Sie bei diesen Treffen gelernt? – fragt Proceso Don Fortunato

- Sie lernen viele Dinge. Man versteht, wie das Verschwindenlassen funktioniert, die Jahre, die Suche. Wir müssen bereit sein zu ertragen, was es auch sein mag.

Don Fortunato hält Ana Beléms Psychologie-Diplom in der Hand. Er musste es für sie abholen, sagt er. In den letzten Monaten ist er zwischen Mexico City und Michoacán hin und her gereist. Er ist in Morelia, Uruapan und Apatzingan gewesen, um seine Tochter zu suchen, die sich in der klinischen Psychologie spezialisieren wollte.

Aber weder er noch Diego und Luis Enrique Eltern wollten in Paracho bleiben.

„Es waren Diegos und Luis Enriques Eltern, die die erste Anzeige erstattet haben”, erzählt Don Fortunato der Korrespondentin bei einem Konzert in Querétaro, das von Familie und Freunden organisiert wurde, um Spenden zu sammeln, so dass er die Suche nach seiner Tochter fortsetzen kann.

Die Eltern der Jungen „reisten nach Morelia und erstatteten Anzeige, reisten nach Uruapan und reichten dort eine weitere ein. In Paracho trafen wir uns und gingen zum Generalstaatsanwalt um Klage einzureichen “, sagt er.

„Natürlich konnten sie nichts finden, die Beweise wurden am Tatort weggeputzt – vermutlich von den Tätern selbst”, sagt Don Fortunato über die Anti-Entführungseinheit der Polizei.

Die bürokratischen Probleme zogen sich hin über diese langen Monate. Es begann mit einer Akte (PGR/134/2012 Morelia) auf Landessebene der Staatsanwaltschaft von Michoacán, in Uruapan, wurde eine weitere (ohne Identifikationsnummer) angelegt, dann in Paracho (Akte: APT/501/2012/II/DAE) und im PGR Hauptquartier, das zu dieser Zeit von Victoria Pacheco geleitet wurde (AC/PGR/DG-CAP/ZCO-VII/24/2012).

Mit den Familien der Vermissten traf sich auch mit Luis Cardenas Palomino, Landespolizeichef während des Calderonregierung, der vor nur ein paar Tagen seine Rücktritt angekündigt hat.

Don Fortunato wurde auch von Genaro Garcia Luna, bis vor wenigen Wochen verantwortlich für die SPP, empfangen. Im Interview sagt er, “er sich hat noch nicht einmal hingesetzt. Wir standen für fünf Minuten, die Länge des gesamten Interviews.”

Auf Vorschlag des Vorsitzenden von Movimiento Ciudadano trafen sich die Mütter von Luis Enrique und Diego mit Gouverneur Fausto Vallejo, um ihn um Hilfe zu bitten. Vor zwei Wochen informierten sie die Behörden von Michoacán, dass eine Delegation der PGR Kräfte gemeinsam mit Militärs auf Bundes-und Landesebene in den Bergen um Paracho eine Suchaktion koordinieren würden.

Wochenlang trug Don Fortunato ständig eine Tasche mit einem Satz Kleidung und ein Paar Turnschuhen bei sich, „falls sie mir sagen, dass sie sie gefunden haben.” Mittlerweile lässt er sie zu Hause.

Quelle: Processo

www.proceso.com.mx/?p=329254

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